Bernhard Aichner: Totenrausch

Das furiose Finale der Totenfrau Trilogie

Die Frau, die in das Büro eines Hamburger Zuhälters stürmt, ist verzweifelt. Ich brauche Pässe für mich und meine zwei Kinder, sagt sie. Und: Wenn du mir hilfst, werde ich jemanden für dich töten.

Es wäre nicht das erste Mal …

Brünhilde Blum, Bestatterin. International gesuchte Mörderin. Liebevolle Mutter zweier Töchter. Auf dem guten Weg zu einem Neuanfang.
Bis zu dem Tag, an dem der Mann, dem sie das neue Glück zu verdanken hat, einfordert, was sie ihm versprochen hat. Sie soll jemanden töten. Einen Menschen, der ihr sehr ans Herz gewachsen ist …

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Totenrausch

Es war der einzige Weg. Sie hatte keine andere Wahl mehr, sie musste die Hilfe annehmen, die man ihr angeboten hatte. Dass jemand das Risiko einging, sie aus Deutschland wegzubringen, grenzte an ein Wunder. Mit ihr in Verbindung gebracht zu werden, könnte Fragen aufwerfen. Ihr zu helfen, Gefängnis bedeuten. Sie ist wie eine Krankheit, die man ausrotten will, ein Übel, das man sich vom Leib hält. Deshalb darf keiner sie sehen, deshalb hat sie ihre Kinder betäubt und fährt jetzt mit ihnen Richtung Norden.

Sie durfte sich nicht selbst ans Steuer eines Wagens setzen, auch öffentliche Verkehrsmittel waren keine Option. Eine simple Verkehrskontrolle hätte alles beenden können, ein Mitreisender, der sie zufällig erkannt, eine Kamera am Bahnhof, die sie aufgenommen hätte. Deshalb der Leichenwagen, der große Transportsarg auf der Ladefläche und die kleinen Luftlöcher, durch die sie atmen. Es ist einfach nur Nacht, es sind nur zwei schlafende Mädchen in der Dunkelheit. Niemand wird sie ihr wegnehmen, niemand außer ihr wird ihr Weinen hören, dieses leise Wimmern, noch bevor ihre Augen aufgehen.

Denn egal wie sehr sie es sich gewünscht hat, dass es nicht passieren wird, sie beginnen sich zu rühren. Zu reden. Wo sind wir, Mama? Bitte schalte das Licht ein, ich kann mich nicht bewegen, dich nicht sehen, Mama. Schnell begreifen sie, dass sie eingesperrt sind, dass es keinen Ausweg gibt. Wie ein Reflex ist es, sie treten mit ihren Füßen, hämmern mit den Fäusten gegen das Holz, sie wollen sich befreien. Doch nichts tut sich, die Sargwände geben nicht nach, Mamas Arme sind wie Schnüre, die um sie herumliegen, sie liebevoll festhalten, beschützen wollen. Da sind nur die Räder, die sich drehen, der Asphalt unter ihnen, und die Taschenlampe, die sie eingeschaltet hat. Ein lächerlicher Versuch, ihnen die Angst zu nehmen.

Uns wird nichts passieren, flüstert sie. Bald geht der Deckel auf, und wir werden das Meer sehen. Sie will daran glauben, darauf vertrauen, dass der Fahrer des Wagens tut, was er ihr versprochen hat. Dass er sie an Bord dieses Frachters bringen wird, ohne Umwege außer Landes, sie hat teuer dafür bezahlt. Sie hat alles zurückgelassen, was war, in ein paar Stunden ist da keine Vergangenheit mehr, niemand mehr, außer den Kindern. Alles, was sie noch hat, liegt in ihren Armen, nur noch verbrannter Boden ist es, über den sie fahren. Da ist keine Haustüre mehr, die sie aufsperren kann, kein Weg mehr zurück in die Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Nie mehr Heimat. Sie muss sich eine neue suchen. Weil sie ihr Gesicht nicht einfach ausziehen kann wie einen Schuh, weil man sie erkennen und sie einsperren würde. Deshalb.

Im Verborgenen bleiben. Auch wenn sie sich dafür hasst, dass sie den Kindern das antut, sie zweifelt nicht daran, dass es richtig ist. Bitte beruhigt euch wieder. Es ist alles in Ordnung. Ihr müsst mir vertrauen, sagt sie und schaltet die Taschenlampe wieder aus. Weil sie die Tränen in den Augen der Mädchen nicht mehr ertragen kann. Weil sie weiß, was sie ihnen zumutet. Das Eingesperrtsein. Die Angst. Mama passt auf euch auf, sagt sie nur. Ihr müsst keine Angst haben, meine Lieben. Kurz verstecken wir uns noch, dann fahren wir mit einem großen Boot. Über das Meer in ein anderes Leben. Weil das alte kaputt ist. Brünhilde Blum. Liebevolle Mutter, erfolgreich in ihrem Beruf als Bestatterin, freundlich und ausgeglichen, niemand hätte je damit gerechnet, keiner hätte auch nur eine Sekunde lang angenommen, wozu sie fähig sein würde. Dass sie zur mehrfachen Mörderin werden könnte. Eiskalt und außer Kontrolle, Verbrechen ohne Motiv seien es gewesen, verrückt sei sie geworden, hieß es. Weil niemand wusste, warum das alles passiert ist, weil es offiziell kein Motiv gab. Sie habe die Männer gar nicht gekannt, die sie getötet habe, es habe keinerlei Berührungspunkte gegeben, wahllos habe sie zugeschlagen, einfach so habe sie auf grausamste Weise fünf Leben beendet. Die Tat einer Psychopathin, schrieben sie. Und lagen doch so falsch damit. Weil niemand wusste, wer diese Männer wirklich gewesen waren, was sie getan hatten. Dass sie verantwortlich waren für Marks Tod. Blums Mann, der einfach auf der Straße gelegen hatte an einem Morgen. Totgefahren. Vor ihren Augen.

Seine Lippen, an die sie jetzt denkt. Sie hatten sich nicht mehr bewegt. Papa ist im Himmel, hatte Blum gesagt. Papa ist tot, hatte Nela geantwortet, die Ältere. Sie hatte als Erste begriffen, dass er nicht wiederkommen, dass er sie nie wieder ins Bett bringen, sie nie wieder streicheln würde. Unser Papa ist jetzt auch eine Leiche, hatte sie zu ihrer kleinen Schwester gesagt. Uma, die es nicht begreifen wollte. Und Blum, die es nicht ertrug. Sie wollte sich nicht damit abfinden. Sie wehrte sich. Begann zu graben.

Laut Polizeibericht war es ein Unfall mit Fahrerflucht gewesen, mehr nicht. Der Schuldige wurde offiziell nie gefunden, irgendwann hatten sie aufgehört, nach ihm zu fahnden. Doch Blum suchte weiter und spürte sie auf. Diese fünf Männer, die gewollt hatten, dass er stirbt. Weil er der Kriminalbeamte war, der herausgefunden hatte, was sie zu verbergen hatten. Es war das Letzte, an dem er gearbeitet hatte, er war überzeugt davon gewesen, dass diese fünf angesehenen Bürger ein Doppel leben führten, dass sie Vergewaltiger waren und Mörder. Ein Horrorfilm war es, in dem Blum aufgewacht war. Da waren nur noch diese wilden Tiere, tollwütige Bestien, die sie jagte und zur Strecke brachte. Zerlegte und ausnahm.

So nah noch alles. Der Grund für die Dunkelheit, dafür, dass sie davonlaufen, sich verstecken muss. Eingepfercht in dieser Kiste, die Verzweiflung der Kinder. Und ihre eigene Ohnmacht. Weil sie nichts tun kann, um die Mädchen zu erlösen und ihnen diese Angst zu nehmen. Nichts, außer immer weiterzureden, in ihre Ohren zu flüstern. Bald schon werden wir am Ufer sitzen und Steine ins Wasser werfen. Mit schönen Sätzen kämpft sie gegen ihre Panik an, in warmen, bunten Farben malt sie ihre Zukunft, sie nimmt die Kinder an den Händen und rennt mit ihnen über den Strand. Schließt einfach die Augen und stellt es euch vor. Die kleinen Krebse, die über die Felsen klettern, die vielen bunten Fische. Und wenn ihr genau hinhört, könnt ihr auch das Rauschen des Meeres hören. Keine Räder mehr auf dem Asphalt, überall nur blaues Wasser und Sonne, die Kinder laufen herum und springen in die Luft. Mama ist bei euch, sagt sie. Alles wird gut. Immer wieder dieser eine Satz zwischen all den anderen. Dieser Satz, der die Kinder langsam beruhigt, ihnen Hoffnung macht. Alles wird gut, flüstert sie. Alles wird gut.

(…)
Der Mann, der sie festhält, heißt Gonzo. Sie kann ihn riechen, zu nah ist er. Sein Schweiß, die fremden Hände auf ihr. Einen Moment lang steht alles still, weil der zweite Mann, der ihr gegenübersitzt, noch nicht entschieden hat, was mit ihr passieren wird. Ob es gut für sie ausgehen wird, oder nicht. Er sagt kein Wort, er lächelt nur, er raucht und starrt sie an. Die junge Frau, die an den Türstehern vorbeigerannt und in den Saunaclub gestürmt ist. Wir müssen reden, hat sie gesagt. Laut und ohne zu zögern. Sie hat nicht nachgedacht, da war keine Angst, nur er kann ihr noch helfen. Der schöne Mann in dem Bürostuhl. Egon Schiele.

Eine Zeichnung hinter ihm an der Wand. Gespreizte Beine, ein nackter, kantiger Körper. Ein übergroßer Kunstdruck. Ein Bild, das sie kennt, von einem Maler, den sie immer verehrt hat. Und ein schmieriger Zuhälter, der sich mit dem Namen des großen Künstlers schmückt. Schiele. Abschaum in einem schönen Anzug, bereit, seinem Schläger grünes Licht zu geben. Mach mit ihr, was du willst, wird er zu dem stinkenden Drecksack sagen, der hinter ihr steht. Oder er wird sich anhören, was sie zu sagen hat, und Gonzo weiter im Zaum halten. Er kennt die richtigen Leute, hat Ina gesagt. Schiele kann dir alles besorgen, was du willst. Der Zuhälter, der sich fragt, warum sie es wagt, hier hereinzuplatzen, warum sie keine Angst vor ihm hat. Wie heißt du, fragt er. Sie schweigt.

Brünhilde Blum. Ein Name, den sie nicht mehr tragen kann. Aus einem Leben, in das sie nicht mehr zurückkann. Ich brauche Reisepässe für mich und meine zwei Kinder, sagt sie. Und du wirst mir dabei helfen. Keine Frage ist es, sondern ein Fordern. Da ist kein Zittern, kein Gedanke daran, dass Schiele sie auslachen und davonjagen, dass der Bullterrier hinter ihr noch fester zudrücken könnte. Da sind nur ihre Augen, die klar und deutlich wiederholen, was sie von ihm will.

Schiele überlegt, Blum sieht es in seinem Gesicht. Jede andere hätte bereits am Boden gelegen, gedemütigt wieder aus dem Büro hinausgekrochen. Aber nicht diese Frau hier, die wirkt, als könnte sie nichts verletzen, als hätte sie nichts zu befürchten. Da ist keine Bewegung, kein Versuch, sich aus den Armen, die sie umschlingen, zu befreien. Da ist nur ihre Stimme. Ich brauche diese Pässe. Unbedingt. Blum spürt seine Neugier, sie hört ihn denken in der Stille. Der Zuhälter versucht zu begreifen, was da vor sich geht. Egon Schiele in einem Saunaclub im Industriegebiet. Weißes Hemd, kurze Haare, eine teure Uhr am Handgelenk. Er zieht an seiner Zigarette, scheint fasziniert von ihr zu sein. Noch immer zögert er.

Er ist einer von den ganz Großen, hat Ina ihr erzählt. Schiele ist anders, Schiele hat Einfluss. Ehrfürchtig fast hat sie über ihn gesprochen. Dass sie gerne für ihn arbeiten würde, hat sie gesagt. Er sei der neue König in der Stadt, seit langem wieder ein Deutscher auf dem Kiez, der die Fäden in der Hand hält. Er ist charmant, hat sie gesagt. Aber sei trotzdem vorsichtig. In meiner Welt sind blaue Flecken normal. Doch Blum ließ sich nicht abhalten, sie bat Ina, auf die Kinder aufzupassen. Nur eine Stunde, oder zwei. Ich kann sie nicht mitnehmen. Blum bettelte so lange, bis Ina Ja sagte. Sie nahm das Geld, das Blum ihr in die Hand drückte, und schaltete den Mädchen den Fernseher ein. Ich hasse Kinder, sagte sie noch. Doch Uma und Nela waren einverstanden. Geh nur, Mama. Ina passt schon auf uns auf.

Eine völlig Fremde, die Spiegeleier für Uma und Nela machte. Ein Glücksfall für Blum. Sie musste keine unangenehmen Fragen beantworten, Ina interessierte sich nicht dafür, was sie machte, warum sie neue Pässe brauchte. In Inas Welt war alles erlaubt. Zekis Freunde sind meine Freunde, sagte sie. Mehr nicht. Nur dass Blum sich beeilen solle. Weil sie wieder auf die Straße müsse. Du hast zwei Stunden, Süße. Sonst verkaufe ich die Kleinen. Dann schob sie sich einen Kaugummi in den Mund und Blum aus der Wohnung.

Der gute Wille eines Zuhälters ist nun ihre letzte Hoffnung. Er entscheidet, ob Blum ein neues Leben beginnen wird oder nicht. Wie auf einer Bühne fühlt sie sich. Es ist ein billiger Film, in dem sie plötzlich mitspielt. Blum im Rotlicht. Und wie Schiele langsam seinen Kopf hebt. Nur ein kleines Nicken ist es, mit dem er Gonzo sagt, was er zu tun hat. Er soll ihr klarmachen, dass nur einer in diesem Raum das Sagen hat. Schiele will ihr zeigen, dass er es könnte, wenn er wollte. Ihr wehtun. Er lässt seinen Hund kurz von der Leine …

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Einsendeschluss: 28.02.2017

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Über Bernhard Aichner



Bernhard Aichner

Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Für seinen Thriller Totenfrau erntete er begeisterte Kritiken, er stand damit sowohl in Österreich als auch in Deutschland auf der Bestsellerliste, der Roman wurde in zwölf Länder verkauft, eine Fernsehserie ist in Vorbereitung.