Bärbel Stolz: Isch des Bio?

Willkommen in Schwabylon!

Spießig, sparsam, kleinkariert – typisch schwäbisch, typisch deutsch? Egal, wo man hinhört, den Schwaben eilt kein guter Ruf voraus. Bärbel Stolz setzt dem Schwabenhass mit ihrer Kultfigur der »Prenzlschwäbin« die Krone auf und hält allen den Spiegel vor: den empörten Berlinern, den besserwisserischen Schwaben und allen, die sich frei von spießigen Klischees fühlen. In ihren liebevoll erzählten Geschichten findet man sich selbst oft wieder – und kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr raus. Denn ein bisschen Schwabe steckt doch in uns allen ….

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Isch des Bio?

Leseprobe

Berlin 1996.

»Entschuldiget Sie!«
»Ja?«
»Wie komm ich denn zur Dunckerstraß?«
»Ernsthaft jetze?«
»Bidde?«
»Willst du mich verarschen?«
»Ob i – was? Noi, nein, auf gar koin Fall.«
»Na, dann quatsch nich so ’ne Scheiße hier! Mann!«

Der Typ dreht sich kopfschüttelnd um und geht die Straße entlang. Langsam verschwimmt sein grüner Parka vor meinen Augen. Ach du liebe Zeit. Ich fange an zu weinen. So weit ist es schon gekommen. Dabei bin ich doch erst seit drei Stunden in Berlin.
Am Bahnhof Zoo war ich ausgestiegen und erst einmal ein bisschen herumgelaufen, um die Atmosphäre einzusaugen. »Ich bin in Berlin «, summe ich vor mich hin. Aus »Linie 1«, dem Berlin-Musical. »Ich spür’s wie Feuer, jetzt bin ich am Ziel, ich schnapp gleich über, Mann, ist das ’n Gefü-«
»Haste mal ’ne Mark?«

Ich starre den abgerissenen Mann an, der neben der Treppe kauert und meinen Jackenzipfel gepackt hat. Toll. Genau wie in dem Film! Und ich mittendrin. Jetzt geht es wirklich los. Ich hab die schwäbische Provinz hinter mir gelassen, um in der Hauptstadt auf die Schauspielschule zu gehen, auf DIE Schauspielschule.

»Wat grinste denn so blöde?«, grölt der Penner beleidigt und spuckt vor mir aus. Erschrocken springe ich zur Seite.
»Hoi, Entschuldigung, klar han i a Mark. Moment.«
Der arme Mann kann ja nicht wissen, dass er mein erstes Linie 1-Erlebnis in Berlin ist. Mit diesem Spruch begrüßt zu werden, ist mir auf jeden Fall eine Mark wert.
Ich lasse meinen schweren Rucksack auf den Boden plumpsen und krame nach meinem Portemonnaie. In Gedanken sage ich jetzt Portmonee, nicht Geldbeutel. Macht man so in Berlin. Endlich kriege ich ihn zu fassen. Mist. Ich hab nur Scheine. Und zehn Pfennig.
Der Penner mustert mich abschätzig.
»Na, jefunden, gnä Frau?«
Verschämt lasse ich die Münze in seinen Pappbecher fallen. Dann greife ich blitzschnell meinen Rucksack und will losstürmen.
»He, willste mich verarschen? ’n Groschen? Wat soll ich ’n damit? Geh doch zurück nach Sindelfingen, du Kuh!«
Ich stolpere weiter, mein Gesicht brennt vor Scham. Wieso denn jetzt Sindelfingen? Woher weiß der denn, dass ich aus Schwaben komme? Also, nicht aus Sindelfingen, aber trotzdem.
Ich irre durch die Bahnhofshallen und stehe schließlich vor einer Currywurstbude. Kurz darauf halte ich dem Penner eine Bockwurst vor die Nase. Auf der Pappe liegt ein Markstück. Der Mann blickt mich finster an.
»Wer bist du denn? Wat grinste hier so blöd, du dumme Ziege?«
»I... ich hab Ihne a Wurscht ond...«
»Seh ick so aus, als ob ick deine alte Wurst essen will? Mann. Haste mal ’ne Mark?« (...)

Hand vorn Mund oder die Anonymität der Großstadt

Es ist ja so. Auf der Alb kennt man sich. Wenn man auch nicht mit jedem aus dem Ort schon mal die Stiege runtergfalle isch, so hat man sich doch zumindest mal gesehen.

Deswegen grüßt man sich, wenn man sich auf der Straße begegnet. Man nickt sich zu, man sagt Guda Morga, ’n Obad oder halt Grüß Gott, das geht immer.

Es kann natürlich auch passieren, dass man mal niemandem begegnet, den man grüßen könnte, obwohl man den ganzen Tag draußen war. So ist das in Berlin nicht. Wirklich nicht. Hier sind die Straßen immer voller Menschen – zumindest im Prenzlauer Berg, einem Stadtteil in Ostberlin, der bei jungen Leuten sehr beliebt ist. Es kann natürlich sein, dass das in Lichtenrade anders ist. Nee, das kann nicht nur sein, das ist definitiv so. Aber da wohne ich nicht, ich lebe im Prenzlauer Berg! Wie sehr viele andere Menschen auch, wie gesagt. Deswegen sind die Bürgersteige immer voll. Ich gehe gern schnell, ich bin keine Bummlerin, von denen haben wir hier genug.

Ich kann mich prima zwischen den Leuten durchschlängeln. Ich hab ja die Augen auf. Eigentlich gibt es doch dann diese stumme Verständigung darüber, wer auf welche Seite ausweicht. Dann nickt man sich zu oder lächelt. Und ich sage: Grüß Gott! Das rutscht mir so raus, ehrlich, das ist einfach ein Reflex. Jahrelang wurde mir eingeimpft:

Sagsch au Guta Morga, komm, Bärbele.

Oder Ja, ka’ ma net Grüß Gott sage? Und wenn meine Oma mir dann mit enttäuschter Miene erklärte: Die Frau Herter hat gsagt, du hasch se gar net grüßt! Ja, wie sieht denn des aus? Und ich dann sagte: Aber die kenn i doch gar net. Dann war aber ’s Heu honta – das heißt, das Heu war unten, und das ist in dem Fall nichts Gutes. Denn des isch doch no lang koin Grund, dass du net Grüß Gott sagsch. Ma grüßt doch an jeden do em Städtle.

Das prägt sich ein, sehr tief. Und egal wie groß das Städle ist, in das du mittlerweile gezogen bist, du nimmst deine Erziehung mit. Also grüße ich. Ich grüße die Apothekerin, ich grüße den Metzger, und ich grüße die Bäckerin, aber das ist ja eh klar, oder? Also, wenn man in einen Laden reinkommt, dann grüßt man doch und sagt nicht nur: Zwei Schrippen! Also, meine Bäckerin mag das auch. Die lacht immer. Also wenn sie da ist, mein ich. Das ist hier halt nicht so wie in Hayingen, dass man sicher sein kann, immer auf dieselben Verkäuferinnen zu treffen. Aber jedenfalls, diese freut sich immer. Bei der hab ich ganz am Anfang was gekauft, wie nenn ich das jetzt …? Also, ja, genau, Krapfen! Im Rheinland sagt man, glaube ich, Krapfen, das kann man als neutralen Begriff so stehen lassen, da weiß jeder, was gemeint ist, oder? Dieses Schmalzgebäck mit Marmelade drin. Bei uns, also in Schwaben, heißen die Berliner. Also stapf ich in die Bäckerei und grüße, und die Verkäuferin lächelt mich an. Und ich sage: Einen Berliner, bitte.

Watt für ’n Ding?

Ich zeige schüchtern auf das Teilchen, das ich meine, und gucke die Verkäuferin mit großen Augen an.

Ach so, ’n Fannkuchen, ruft sie. Himbeermarmelade oder Flaummus?

Das klingt so herrlich,dass ich gar nicht daran denke,mich zu genieren. Das Pf wird zu einem sehr saftigen F. Ich will es zu gern auch ausprobieren, und deshalb bestelle ich schnell: Äh … einen Fannkuchen mit Flaummus. Seitdem kennen wir uns, die Bäckerin und ich, und ich grüße sie, ist ja klar.

Wenn ich Nachbarn im Hausflur treffe, grüße ich auch. Ich hab auch über mir und unter mir geklingelt und gesagt: Hallo, ich bin d’ Bärbel, ich zieh jetzt hier ei. (...)

Des find ich jetzt net so gut

Ich liebe Berlin.

Echt wahr. Ich wohne sehr gern hier. Aber jetzt grade war ich in Stuttgart, und ich muss sagen, es hat schon was, in einer Stadt mit funktionierendem Flughafen zu landen. Gut, dafür hapert es da mit dem Hauptbahnhof, aber man kann ja nicht alles haben. Was mich allerdings nachhaltig beeindruckt hat, war, dass es in der Stuttgarter S-Bahn ein 1. Klasse-Abteil gibt. In Berlin ist man ja schon froh, wenn die S-Bahn fährt. Dann setzt man sich, rein und je nach Verfassung stellt man sich vor, man ist ganz woanders, oder man beobachtet die unterschiedlichen Menschen um sich herum. Dann muss man aber gerade innerlich elastisch sein und ein paar schwäbische Reflexe unterdrücken. Zum Beispiel, wenn sich jemand mit einem Döner neben dich setzt und die Gurken rauspult, um sie zwischen Sitz und Fenster zu stopfen.

Dann rutscht es mir schon manchmal raus: Also, das find ich jetzt net so gut.

Wenn man einen toleranten Berliner neben sich hat, sagt er vielleicht nur: Ick aba. In jedem Fall outet man sich als schwäbische Spießerin.

In Schwaben versteht man das. Jedes Kleinkind in der S-Bahn zieht schuldbewusst die Füßchen ein und sammelt seine Kekskrümel auf, wenn der Nachbar freundlich sagt: Des find ich jetzt net so gut. Und erziehungsberechtigte Mitreisende entschuldigen sich.

Ich glaube, was es in Stuttgarter S-Bahnen auch niemals geben wird, sind herumrollende Bierflaschen. Das ist so typisch hier, dass man es eigentlich in die Reiseführer aufnehmen könnte.

Ich sitze in der Bahn und bin froh, wieder in den Prenzlauer Berg zurückzukommen. Gut, Neukölln ist auch Berlin, und wenn Sie nach mal hierherkommen, schauen sie sich dort ruhig um, man möchte dann ja auch das Laute, Dreckige, Unaufgeräumte sehen. Es soll ja auch ganz tolle neue vegane Lokale dort geben. Ich persönlich fahre einmal im Jahr dorthin, um die preisgekrönten Blutwürste am Karl-Marx-Platz zu holen. Da reiß ich mich dann eben mal zusammen. Und dann sitz ich da in der Bahn und möchte die Zeit nutzen, meine Meinung über den neu eröffneten Biosupermarkt an der Ecke in die Feedbackbox zu tippen. Neben mir duftet das Tütchen mit den Würsten.

Ich zücke mein Smartphone, und klickerklickerklickerklickerrummms kommt eine Bierflasche unter der Nachbarsitzreihe hervorgerollt und stößt neben mir an die Wand. Bei der nächsten Kurve rollt sie zurück. Klickerklickerklickerrummms. Und natürlich war die Flasche nicht ganz leer. Wer auch immer sie hier in der Bahn abgestellt hat, hat gerade so viel übriggelassen, dass sich ein kleines Bächlein aus stinkigem altem Bier einmal hin und einmal her durch die Bahn zieht. Ich nehme meine Wursttüte auf den Schoß, in der Hoffnung, damit den schalen Gestank zu übertünchen, aber das klappt nicht. Es liegt mir auf der Zunge, ich möchte den Kopf heben und laut sagen: Des find ich jetzt net so gut. Wem gehört denn bitte diese Flasche? Aber dann bin ich die verspannte Spießerin, das ungeschriebene Gesetz der Berliner Coolness verlangt, rollende Bierflaschen einfach zu ignorieren. Ebenso wie übervolle Mülleimer. Fasziniert beobachte ich die Frau schräg gegenüber, neben deren Ärmel ein soßenverschmiertes Dönerpapier aus dem Abfallkorb hängt. Wie sorglos und selbstvergessen sie dasitzt. Ignoriert sie mich, oder nimmt sie das tatsächlich nicht wahr? Meditation oder Abstumpfung?

Diesen Sommer sah ja einmal der Mülleimer auf dem Spielplatz bei uns unmöglich aus. Da quollen die Windeln und Eisbecherchen raus, die Spatzen pickten schon an den Resten der Dinkelstangen. Daneben junge Eltern und ihre fröhlichen Bullerbü-Kinder. Wieder wurde einem Kind das Himbeereis aus dem Gesicht gewischt, die Mutter schaute sich suchend um und entdeckte den vollen Eimer mit dem Müllberg daneben. Schulterzuckend machte sie sich auf den Weg und fing dabei meinen Blick auf. Stummes Erkennen.

Des find ich jetzt net so gut, sagte sie. So eine Sauerei, oder?

Ich stimmte ihr absolut zu und bald standen fünf weitere Eltern mit uns um die Mülltonne herum.

Also, sagte schließlich Antonia tatkräftig. Ich wohne gleich da im Hochparterre, ich hol jetzt Müllbeutel.

Wenig später schaufelten wir mit den Kinderschäufelchen – die in Berlin Schippe genannt werden, kann man sich leicht merken: Schrippe-Schippe – Windeln, Feuilletons und Dinkelmatsch in robuste blaue Tüten. Dann kam plötzlich eine junge Frau in geblümtem Sommerkleid angehüpft und legte eine eingerollte Babywindel auf die volle Mülltonne. Ein kollektiver Aufschrei der Schwäbinnennationalmannschaft ließ sie zusammenfahren. Ich lächelte sie beruhigend an.

Entschuldige, aber des isch echt net so gut. Die Mülltonne isch ja voll, gell? Schau mal, dahinten isch noch eine, wo was reinpasst. Oder du tuscht sie hier in einen von unseren Müllbeuteln.

Die junge Frau schüttelte entschuldigend den Kopf.

Como?

Au, Spanisch, da komm ich nicht mit. Hilfesuchend blickte ich zu meinen Mitmüllsammlern, die uns auch gleich eifrig umringten.

The diaper… put it not on the top here …non hacer aqui … Herrschaft … wie sagt man denn des jetzt?

Schließlich nahm die Hochparterre-Antonia die Windel von der Mülltonne und hielt sie der jungen Frau unter die Nase. Die lächelte strahlend.

Oh, you can have it.

Sprach’s, nickte und verschwand. Wir blieben mit offenem Mund zurück.

Glaubsch des?, murmelte die Antonia mit der Windel in der Hand.

Ich nahm sie ihr ab und warf sie in den blauen Sack.

Des isch net bös gmeint.

Noi, gwiß net. Aber des lernet die einfach nie. Genau wie beim-

Flaschenpfand!, rief die Müllgruppe im Chor. (...)

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Isch des Bio?

Über Bärbel Stolz

Bärbel Stolz

Bärbel Stolz, geboren 1977, ist eine bekannte Schauspielerin und stammt aus Schwaben. 1996 zog sie aus der Provinz nach Berlin und lebt seit 20 Jahren als Exilschwäbin in der wilden Hauptstadt. Mit ihrer Figur der Prenzlschwäbin räumt sie auf humorvolle Weise mit schwäbischen, deutschen und großstädtischen Vorurteilen auf. Die Idee zu dieser Webserie hatte die Schauspielerin, die unter anderem in »Verliebt in Berlin«, »Türkisch für Anfänger« und »Doctor’s Diary« mitgespielt hat, als sie ein Casting-Video auf schwäbisch aufnehmen wollte. So entstand die erste Folge. Seitdem produziert sie die Serie gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrem Mann. Und begeistert mit ihren YouTube-Videos Millionen Menschen nicht nur in Berlin.